Mystische Metamorphose

Inzwischen lasse ich mich in einigen Facebook-Gruppen über Pflanzen und Insekten belehren, das ist sehr nützlich, weil sich dort Leute tummeln, die richtige Experten sind. Auf der anderen Seite sind in diesen Gruppen auch blutige Anfänger, über die ich nicht lästern darf, weil ich selbst einer bin. Ärgern darf man sich allerdings über FAULE Anfänger, denen es noch zu viel ist, einen wissenschaftlichen Namen zu googeln oder wenigstens die Posts der letzten Stunden durchscrollen, bevor sie ihre verwackelten Handybilder von Marienkäferlarven oder Wanzeneiern hochladen.

Hässliche Kinder

Gar nicht süß: Marienkäferlarve

Womit wir beim Thema wären: „Insektenbabys“ haben ein Image-Problem. Ich behaupte ohne jede wissenschaftliche Grundlage: 98 Prozent der Menschen erkennen einen Marienkäfer als solchen, aber gleichzeitig wissen 75 Prozent nicht, wie dessen Larven aussehen. Stattdessen posten sie Bilder kleiner Insekten und fragen, ob das ein „Babykäfer “ sei. Es gibt aber keine Babykäfer. Es gibt Eier, Larven oder Nymphen. Und sie alle passen leider selten in unser Kindchenschema. Insektennachwuchs ist in der Regel nicht niedlich.

Verwandlung statt Wachstum

Wer Kinder hat(te) weiß, dass die lieben Kleinen über Nacht eine Schuhgröße überspringen können. Unglaublich, denkt man dann als Eltern, bevor man loszieht und vom Gummistiefel bis zur den Turnschuhen alles neu kauft. WIRKLICH unglaublich ist aber die Verwandlung, die Insektenkinder durchmachen: Aus formlosen Säcken werden Tiere mit sechs Beinen und (häufig) Flügeln. Solche Verwandlungen (Metamorphosen) sind der Stoff, aus dem die Märchen sind (und die Ängste, wie jeder weiß, der in der Schulzeit zur Lektüre von Franz Kafkas Elaborat zum Thema genötigt wurde).

Zauberei. Oder?

Schläfriger Laubfrosch. (Allerdings außerhalb meines Gartens angetroffen)

Frösche heißt es, könnten sich zu Prinzen verwandeln, wenn man sie küsst. Aus purer Zauberei. Aber wenn eine unförmige weiße Made zu einem schillernd bunten Insekt mit Features wie Komplexaugen mutieren kann, die  eine Auflösung von bis zu 300 Bildern pro Sekunde schaffen (wir liegen bei 60 Bildern pro Sekunde) – wer weiß was sonst noch geht in der Natur? Der Zaubereiverdacht lag tatsächlich lange in der Luft.  Angeblich wurde noch in den 1830er Jahren ein deutscher Forscher in Chile der Ketzerei bezichtigt, weil er Raupen in Schmetterlinge verwandeln konnte, schreibt Darwin.

Neubau statt Umbau

Tatsächlich ist das Geheimnis der Metamorphose noch nicht komplett enträtselt. Um sich im Garten mit den verschiedenen Insektenkindern zurecht zu finden hilft es zu wissen, dass es zwei verschiedenen Konzepte der Metamorphose gibt. Einige Tiere durchlaufen einen kompletten Umbau (sie sind holometabol). Aus den Eiern von Käfern, Fliegen, Bienen, Mücken und Schmetterlingen etwa schlüpfen Larven, die ihren Eltern kein bisschen ähneln, beispielsweise Engerlinge, Maden oder Raupen. Es sind Fressmaschinen ohne Geschlechtsorgane oder Flügel; ihre Mission: Überleben und wachsen. Nach einer Zeit hemmungsloser Gewichtszunahme verpuppen sie sich – und erfinden ihren Körper komplett neu.

Geschlüpft oder gefressen? Eine verlassene Puppenhülle
Marienkäfer-Puppe

Was uns (immer noch) mystisch bis gruselig erscheint, ist in Wahrheit ein mehrheitsfähiges Konzept: 40-60 Prozent aller Tierarten der Erde entwickeln sich mit solchen Verwandlungen.  Der komplizierte Vorgang totaler Metamorphose ist älter als die Dinosaurier, es gibt Fossilien von vor 280 Millionen Jahren, die Larvenstadien damaliger Insekten bewahrt haben. (Diesen Artikel zur Evolution der Metamorphose fand ich lesenswert.).

Larven in Selbstauflösung

Gelbe Gartenameisen (Lasius flavus) bringen ihre Puppen in Sicherheit.

Im Inneren der Puppe übernehmen sackartige Epithelzellen das Kommando. Enzyme lösen die Larvenorgane weitgehend auf, bis eine Art Insektensuppe entsteht. Nur die sogenannten „Imaginal Discs“ bleiben unversehrt und fungieren als Bauleitung. Sie werden zu einer Art Haut zusammengesteppt, die zuerst die spätere Außenhaut des Insekts bildet. Danach werden aus den freigewordenen Bausteinen von außen nach innen Organe, Facettenaugen und Flügel gebildet. Und aus diesem Naturpuzzle entsteht dann tatsächlich ein neuer Schmetterling – oder eben eine nervige Stubenfliege, die schon kurze Zeit nach dem Schlupf nichts Besseres vorhat, als ihre Eier mit meinen Frühstückslachs zu versenken.

Ein Kohlweißling (Pieris spec.) am Lavendel (Lavendula angustifolia).

Warum der ganze Aufwand? Was ist so effizient an der Idee, den Nachwuchs erst fett zu füttern, nur damit sie dann noch einmal komplett zermatscht und neu zusammengesetzt werden? Dazu haben die Insektenforscher eine gute Erklärung: Eltern und Kinder sind so unterschiedlich, dass sie keine Konkurrenten sind. Eine Raupe interessiert sich nur für Blätter und fressen. Ein Schmetterling für Nektar und Sex – die beiden kommen sich nicht in die Quere.

Gartennymphen

„Geschwister“: Zwei Nymphenstadien der Grünen Stinkwanze, Palomena prasina (Danke an die Mitglieder der fb-Gruppe „Wer bin ich- Insekten Spinnen und ander Gliederfüßer bestimmen“)
Grüne Stinkwanze (Palomena prasina)

Es gibt allerdings noch eine etwas weniger drastische Form der Metamorphose. Hemimetabol nennt man solche Insekten, die kein Puppenstadium durchleben, sondern als ein Tier aus dem Ei schlüpfen, das seinen Eltern schon entfernt ähnelt, also zum Beispiel sechs Beine hat. Wanzen, Libellen und Heuschrecken sind schon richtige Insekten, wenn sie schlüpfen, obwohl ihnen häufig noch Flügel oder Sexualorgane fehlen. Sie häuten sich diverse Male, und jedes Mal werden sie ihren Eltern ähnlicher. Solche Insektenkinder nennt man Nymphen. (Nicht zu verwechseln mit den meist leicht bekleideten weiblichen Naturgeistern aus der Antike, die ich in unserem Garten noch nie angetroffen habe.). Ein ganzer Kindergarten bunt gezeichneter Wanzennymphen spielt dagegen auf den ausgeblühten Stängeln der Akelei.

Die Froschverwandlung

Bleibt noch die Geschichte mit dem Frosch. Aufgrund einschlägiger Feldforschung kann ich feststellen: Das funktioniert nicht. Kein Prinz, und schon gar kein Pferd (Wer will schon den Prinzen?). Das ist aber auch kein Wunder! Schließlich hat das Fröschlein sein Leben als Kaulquappe begonnen: Mit Schwanz und Kiemen, aber ohne Beine und Lunge. Er ist schon verwandelt! Wer die Prinzenthese noch einmal untersuchen möchte, sollte es konsequenterweise mit einer Kaulquappe probieren…

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