Planet der Fliegen

Die Fliegenexpertin Erica McAlister kümmert sich mit Hingabe um die Fliegensammlung im Naturhistorischen Museum in London – und hat ein durchaus lesbares Buch geschrieben in dem sie beteuert, Fliegen seien eine besonders faszinierende und – ja – liebenswerte Gruppe der Insekten. Mit Blick auf die Autorin stellt sich natürlich die Frage, ob man einem Menschen trauen sollte, der Schokolade als eklig empfindet. Andererseits habe ich ein Kind mit dem gleichen Geburtsfehler im Haus und konnte meine diesbezüglichen Vorurteile zurück stellen. Kakaobäume werden jedenfalls ausschließlich von kleinen Mücken bestäubt, die McAlister in der Klasse der Diptera (Zweiflügler) unter Fliegen zusammenfasst.

Fliegenfrei

An den Haftlappen der Füße sitzen tausende feine Häärchen, zusätzlich wird ein Flüssigkeitsfilm abgegeben, der die Haftkraft zusätzlich erhöht. Landen und dann entspannt an einer glatten Glasscheibe sitzen – kein Problem für eine Fliege…

Die Mehrheitsmeinung zum Thema Fliegen ist mit einer einfachen Goolge-Suche zum Thema „Fliegen“ und „Garten“ schnell erfasst:  Man erhält Artikel aus den Ratgeberspalten der Tagespresse zur Extinktion „lästiger“ Fliegen im Garten, Werbung für Fliegenfallen und Texte in denen die Worte Plage, Abwehr und Bekämpfung überrepräsentiert sind. Während Bienen, Wespen und ihre gestreifte Verwandtschaft zwar gefürchtet, aber respektiert werden, bleibt für Fliegen nur Verachtung. Jeder weiß, was Fliegen machen, oder? Sie naschen vom Hundekot und den Überresten des vorletzte Woche überfahrenen Igels auf der Straße, bevor sie sich auf unser Marmeladenbrötchen setzen und erstmal Verdauungssäfte erbrechen. Ohne Kauwerkzeuge sind sie darauf angewiesen, ihre Nahrung außen zu verdauen (beispielsweise auf dem Brot, das ich eigentlich weiter essen wollte) bevor sie die schlonzige Kotzmischung aufsaugen…. Bah. Selbst ihre Babies sind eklig. Bei sommerlichen Temperaturen schlüpfen schon nach 10 Stunden unzählige Maden aus den Eiern, und so kann einem an einem Sommertag aus der gestern noch unverdächtig vor sich hinmüffelnden Biotonne überraschend ein wogender Madenteppich entgegenwabern – und das ist bei aller Bewunderung für die Vermehrungsleistung der Fliegen einfach nur eklig. Im Resultat gibt es Futterhäuser für Vögel und Klatschen für Fliegen im selben Geschäft. Ich schlage daher als neue Bezeichnung für rechtlose und jedermanns Mordlust ausgelieferte Individuen „fliegenfrei“ statt „vogelfrei“ vor.

Zugfliegen

Eine große Gruppe von Fliegen hat das Opfer-Image satt und verkleidet sich phantasievoll als Hautflügler. Gelb-schwarze Streifen und ähnliche Warntracht täuscht gekonnt die Verwandtschaft zu Wespen und Bienen vor. Diese Mimikri genannte Maskerade der Schwebfliegen war eigentlich gegen Fressfeinde gedacht. Vielleicht hilft sie auch gegen Menschen, denn Bienen, Hummeln, Wespen und Hornissen stehen ja seit geraumer Zeit unter dem Schutz wenigstens leidlich gebildeter Menschen.

Das halte ich für die Gemeine Feldschwebfliege (Eupeodes corollae)
Mit über 2 Zentimetern ein ganz schöner Brummer: Hornissenschwebfliege (Volucella zonaria)
Helle Sumpfschwebfliege Helophilus hybridus
Hier tippe ich auf die Gemeine Keulenschwebfliege (Syritta pipiens)
Vielleicht die Goldhalsschwebfliege (Meliscaeva auricollis) es gibt aber viele ähnliche, es ist also mehr geraten.

Schwebfliegen können nicht stechen, aber ihr Anteil an der Bestäubung von Blühpflanzen ist groß – so falsch ist die Bienen-Imitation also gar nicht. Ihre Larven fressen gern Blattläuse. Erst letztes Jahr beschrieben britische Forscher, dass 4 Milliarden Schwebfliegen jährlich über den Ärmelkanal zwischen Großbritannien und dem europäischen Festland pendeln – im Frühjahr hin, im Herbst zurück. Dabei transportieren sie Milliarden Pollenkörner und haben damit eine wichtige Rolle für die Biodervisität.  Außerdem sind sie auch noch hübsch- und machen sich nichts aus Marmeladenbrötchen. Sympathietest bestanden.

Eine Hain-Schwebfliege (Episyrphus balteatus)
Möglicherweise ist das die Dung-Waffenfliege (Sargus bipunctatus) oder eine Verwandte.

Das oben ist eine Vertreterin der Waffenfliegen (Soldatenfliegen auf Englisch). Sie sind aber nicht wirklich bewaffnet, sondern ihre Farben erinnerte irgendwen an Soldatenröcke.  Eine Verwandter, die schwarze Soldatenfliege, wird kommerziell zur Abfallverwertung gezüchtet. Die fetten Larven eignen sich als Futter für Aquakulturen (und ersetzen dort knapper werdendes Fischmehl) oder als Hühnerfutter. Damit sind sie zu einem richtigen Hoffnungsträger geworden: In der Zukunft könnten uns diese Fliegen dabei helfen, organischen Abfall in hochwertiges Eiweiß zu „verwandeln“.

Diese Fliege konnte ich nicht bestimmen. Ich hatte gehofft, es könnte eine Vertreterin der Assasin-Flys (Meuchelmörderfliegen) sein. Die Experten sagen aber nein. Ich finde sie sieht trotzdem ein wenig gemein aus…

Essigfliegen

Eine Essigfliege oder Taufliege

Wie diese unscheinbare Fliege genau heißt, habe ich nicht herausgefunden, aber sie hat berühmte Verwandtschaft: Drosophila melanogaster ist vielleicht die berühmteste Fliege der Welt. Sie hat bereits 5 Nobelpreise gesammelt. Ihre schnelle Generationsfolge hat sie zu einem idealen Forschungsobjekt für Genetiker gemacht, außerdem ist sie anspruchslos in der Haltung. An Drosophila-Fliegen hat man herausgefunden, dass betrunkene Männchen (sie saugen an vergorenen Früchten) sich promiskuitiv verhalten und auf den Rücken fallen. Sie scheinen uns als Modell also recht nahe zu sein. Manchmal werden diese Fliegen auch Fruchtfliegen genannt. Diese Bezeichnung war allerdings früher anders belegt- deshalb verzichtet man vielleicht besser darauf.

Goldfliege (Lucilia sericata)

Goldfliegen (hier Lucilia sericata) werden zur Madentherapie eingesetzt und hemmen bei der zellgenauen Entfernung toten Materials auch noch das Bakterienwachstum.  Dazu müssen die Maden allerdings keimfrei im Labor gezüchtet werden. Freilebende Goldfliegen sind dagegen Überträger für alle möglichen Krankheiten und verunreinigen Lebensmittel. Trotzdem – die Farbe hat was.

Graue Fleischfliege (Sarcophaga carnaria)

Eine Graue Fleischfliege (Sarcophaga carnaria). Auch Aasfliege genannt. Aber das ist wahrscheinlich ein Vorurteil. Sie legt keine Eier,  sondern bekommt lebende Junge. Diese fressen erstaunlicherweise aber kein Aas – sondern Regenwürmer.

Eine Tummelfiege, Platypeza spec.

Dieses rotäugige Exemplar ist ein Plattfuß. Tummelfliegen heißen auf Englisch auch Flat-footed-flies. Das geht auf die Form des letzten Fußgliedes zurück. Einige Arten treten in Schwärmen auf, sie „tummeln“ sich.

Stomorhina lunata mit getreiften Augen

Stomorhina lunata, hat keinen deutschen Namen, ich nenne sie daher die Afrikanerin. Sie gehört zu den Schmeißfliegen und stammt tatsächlich aus Nordafrika und Südeuropa. Erst seit den 90er Jahren wird sie in Deutschland gesichtet. Sie legt ihre Eier in der Nähe von Heuschreckengelegen (sogenannten Ootheken) ab, ihr Larven ernähren sich dann vom Heuschreckennachwuchs. Damit trägt diese Fliege dazu bei, die Heuschreckenpopulation im Zaum zu halten.

Bohrfliege Terellia serratulae

Terellia serratulae hat nicht einmal einen Eintrag in der deutschen Wikipedia. Nennen wir sie die Grünäugige. Sie gehört zu den Bohrfliegen und bohrt mit ihrem Legestachel die Blüten von Disteln an, um ihre Eier abzulegen. Krasse Farbe, schöne Augen!

Raupenfliege, vielleicht Mintho rufiventris

Als Parasit  Sympathiepunkte zu sammeln ist schwer. Diese Raupenfliege macht immerhin einen Versuch: Mintho rufiventris legt ihre Eier an Zündslerraupen, die in den letzten Sommerwochen dieses Jahres fast das einzig lebende Grün in unserem Buchsbaum bildeten. So „gemein“ die Lebensweise der Raupenfliegen und Schlupfwespen scheint – man stelle sich einmal vor, was ohne ihre biologische Schädlingsbekämpfung geschähe. Inzwischen werden einige Vertreter dieser Gruppe auch entsprechend eingesetzt, etwa wenn man ein Insekt in ein neues Habitat ohne natürliche Feinde verschleppt hat.

Diese halte ich für die Igelfliege Tachina fera

Eine Igelfliege (Tachina fera) – auch eine Raupenfliege. Die Igelfliege ist dabei nicht sehr wählerisch. Sie legt ihre Eier auf Wirtspflanzen einiger Nachtfalter (Eulenfalter zum Beispiel), wo eine robust Larve schlüpft. Kommt eine ahnungslose Falterraupe daher, wird sie angebohrt und von innen verzehrt. Nach dem Tod des Wirtes verpuppt sich die Fliegenmade und überwintert.

Raupenfliege (Cylindromyia bicolor)

Diese Raupenfliege (Cylindomya bicolor) platziert ihre Eier auf ausgewachsenen Wanzen, wo die Larven dann nach und nach den Wirt fressen. Zur Verpuppung lassen sie sich dann einfach fallen.

Gemeine Breitstirnblasenkopffliege (Sicus ferugineus)

Diese Dickkopffliege wartet auf den Oregano-Blüten auf Hummeln. Sie wird eine Arbeiterin überfallen und mit ihrem Legestachel ein Ei auf ihr ablegen. Die Nachkommen dieser Fliege werden dann von der Hummel leben.

Das Grauen im Garten

Je genauer man hinschaut, desto weniger idyllisch ist’s im Garten (dafür umso spannender). Selbst Charles Darwin haderte bisweilen mit den beobachteten Überlebensstrategien seiner Mitgeschöpfe: »Ich kann mich nicht dazu überreden, dass ein gütiger und allmächtiger Gott mit Absicht die Schlupfwespen erschaffen haben würde mit dem ausdrücklichen Auftrag, sich im Körper lebender Raupen zu ernähren.« Schrieb er einer befreundeten Botanikerin in einem Brief.

Bevor unsere Abscheu vor parasitischen Lebensweisen allein auf die armen Fliegen (und Wespen) zurück fällt hier noch ein mitleidserregendes Fliegenopfer: Diese Fliege ist todkrank. Der Pilz Fliegentöter Entomophthora muscae hat sie infiziert und innerhalb von Stunden ihren Körper mit seinem Mycel durchwachsen. Infizierte Fliegen krabbeln an einen erhöhten Platz, spreizen die Flügel ab und sterben, während der Pilz ein Streifenmuster auf ihrem aufgeblähten Hinterleib bildet. Sie sind dann besonders anziehend für mögliche Sexualpartner- die sich beim Annäherungsversuch selbst infizieren. Bei den Insekten ist das ganze Jahr über Haloween…

Der Fliegentöter (Entomophthora muscae) hat einen Fliegenzombie erschaffen.
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Comments

  1. Ganz toll geschrieben und sehr, sehr schöne Fotos!
    Am besten gefällt mir die Hornissenschwebfliege, dieser „Brummer“, der fast ein Verwandter der Biene Maja sein könnte – zumindest was seine Farbgebung betrifft!

  2. Liebe Frau Vossenberg, wie schön, dass sie so treu mitlesen! Die Hornissenschwebfliege wäre dann eher die extrovertierte Verwandschaft von Puck, dem bebrillten FLiegenfreund von Maja… LG Dani

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