Lichtscheues Gesindel

Die Tage werden schon wieder kürzer, und eines Abends stellte ich nach dem Kinder-ins-Bett-bringen- Kücheaufräumen- Wäscheaufhängen-Programm fest, dass es im Garten schon zu dunkel für Fotos wurde. Immerhin kam die Igelin noch auf einen etwas einseitigen Schwatz vorbei, und die großen Libellen wurden beim Jagen von den Fledermäusen abgelöst. Als es dann richtig dunkel war, erwachte die Spätschicht der Insektenwelt zum Leben.

Gemeiner Ohrenkneifer (Forficula auricularia) auf Schafgabe, ein Männchen mit großen „Kneifern“. Die dienen als Abwehr- und Drohinstrument, außerdem helfen sie bei der Paarung und dem „Flügel-Entfalten“.

Unschuldig in Verruf geraten

Auf weißen Blüten traf sich ein Trupp großer Ohrenkneifer. Diese haben noch nie in unsere Ohren gekniffen. Sie kneifen überhaupt nicht – auch wenn ihre „Zangen“, die Cerci, beeindruckend wirken. Ich habe das als Kind allerdings immer geglaubt – und nie gewagt, die Tiere anzufassen. Der Name kommt angeblich sogar aus einer medizinischen Anwendung: Getrockneter Ohrwurm wurde als Pulver GEGEN Ohrenschmerzen verwendet. 

Im Dunkeln weiden sie die Blüten der Schafgarbe ab. Sie nehmen gern Pflanzenteile (zuerst Stempel und Pollen), aber auch kleinere Insekten, vor allem Blattläuse. Sie können fliegen, tun es aber nur selten. Vielleicht weil ihre Flügel so kunstvoll unter die verkürzten Deckflügel gefaltet sind, dass es mühsam ist, sie wieder zusammen zu legen. Für Insektenverhältnisse sind sie besonders fürsorgliche Eltern: Im Gegensatz zu anderen Insektenmüttern, die ihren Nachwuchs nach der Eiablage sich selbst überlassen, pflegen sie die Eier den ganzen Winter lang. Sie lecken drohenden Pilzbefall ab und kümmern sich auch noch um die frisch geschlüpften Ohrenkneiferlinge, etwa bis zur zweiten Häutung.

Silberfischen (Lepisma saccharina)

Scheue Nachtfische

Vom Stirnlampenlicht sichtlich gestört waren die glänzenden Silberfischchen, die offenbar in einem durchlöcherten Stück Totholz residieren. Silberfische? Draußen? Das geht wohl, wenn es warm genug ist. Bisher traf ich sie höchstens vereinzelt bei nächtlichen Toilettengängen in der Badewanne sitzend. Und nein – das ist nicht eklig und unhygienisch. Einzelne Silberfische helfen sogar beim Putzen: Im Haus fressen sie beispielsweise gern Milben. Aber eben auch kohlenhydrathaltiges, Leim und Papier. Der wissenschaftliche Name Lepisma saccharina wurde umgangssprachlich zum „Zuckergast oder – dieb. Im Garten knabbern sie Totholz mit leckerem Schimmelpilztopping. Zumindest die kleineren Exemplare müssen sich dabei vor den Ohrenkneifern in Acht nehmen – diese würden einen „Fischgang“ nämlich nicht verschmähen. Die urtümlich anmutenden Tiere teilten unsere Welt schon vor 300 Millionen Jahren mit Riesenlibellen und meterlangen Tausendfüßlern.

Zur Hochzeit tanzt das Männchen für das Weibchen, das darauf ganz aufgeregt herumläuft. Er drängt es daraufhin in eine Ecke, in der er zuvor ein Fadengespinnst mit Sperma abgelegt hat. Wenn sie daran vorbei streicht, befruchtet es die Eier. Ihr Sex ist also ziemlich kontaktarm. Sie wachsen sehr langsam und werden mehrere Jahre alt.

Eine Kellerassel (Porcellio scaber), glaube ich.

Ein Stück Meer im Garten

Ebenfalls ohne besondere menschliche Sympathie auskommen müssen die Asseln. Ich gebe zu – die habe ich bisher auch immer nur als langweilige Allerweltsbesucher wahrgenommen. Wer ihren wissenschaftlichen Namen kennt, kann (fast) auf italienisch fluchen: Parcellio scaber (Kellerassel) heißt nämlich so etwas wie „räudiges Schweinchen“. Auch wenn sie keine besonderen Schönheiten sind – solche Schmähungen haben sie auch nicht verdient. Sie fressen fast alles, was wir unter „Gartendreck“ zusammenfassen würden und sind ihrerseits wichtige Vollwertnahrung für so unterschiedliche Tiere wie Spitzmäuse, Igel, Kröte, Käfer oder Wolfsspinnen – um nur wenige Beispiel zu nennen. Ihr Körper enthält viel Kalzium und andere Mineralien, theoretisch kann man sie sogar als „Metalldetektor“ zur Prüfung der Bodenqualität einsetzen. 

Krebsen statt krabbeln

Asseln sind keine Insekten, sondern Krebstiere. Mit Kiemen. Zwar haben die verbreiteten Keller- und Rollasseln ihre Kiemenatmung zugunsten von tracheenähnlichen Strukturen weitgehend reduziert – aber sie sind noch immer da. In den Kiemen finden sich Bakteriengemeinschaften, die noch vom Leben im Wasser stammen, sie tragen also noch immer ein Stück Meer in sich herum. Kiemen brauchen Feuchtigkeit, daher sind sie im Sommer eher nachts unterwegs und tagsüber zuverlässig unter meinen Blumentöpfen zu finden.

Wer die Beine zählt merkt sofort, dass diese Tiere nicht zu den Insekten gehören, es gibt nämlich 14 (statt 6). Sie brauchen zwei Jahre bis zur Geschlechtsreife, danach tragen die Mütter ihre Nachkommen in einem Brutbeutel am Bauch. Die Gelegegröße wächst mit dem Alter der Mutter von 10 bis auf 100 Nachkommen. Einige Arten können sich zu einer perfekten kleinen Kugel zusammen rollen.

Der Buchsbaumzündsler (Cydalima perspectalis) im „Abendkleid“ (also in einer dunklen Farbvariante).

Schön und unbeliebt

Während Asseln, Ohrenkneifer und Silberfische vielleicht keinen Schönheitswettbewerb gewinnen, gelten Schmetterlinge ja allgemein als hübsch – besonders die Tagfalter. Derzeit leuchten einen im dunklen Garten reflektierende kleine Augen an, und zwar überall – auf den Stauden, dem Tulpenbaum, im Efeu – und auf dem Buchsbaum. Neben weißen Faltern mit einem dunklen Saum gibt es auch dunkle, violett-schimmernde Formen, die richtig schön aussehen. Nur die Augen funkeln im Lampenlicht etwas dämonisch – und das passt ganz gut. Der Buchsbaumzündsler hat gerade wieder geschätzte Millionen Eier in unserer Hecke verteilt, nachdem die Vögel die letzte Raupenschwemme erst kürzlich abgesammelt hatten. Wir erwarten ergeben das Ergebnis dieser Brut.

Die südliche Eichenschrecke (Meconema meridionale) kann trommeln und Auto fahren – aber nicht fliegen. Sie mag es warm. Mein Kerzenglas gefiel ihr daher besonders.

Eingewanderte Trittbrettfahrer

Während Asseln und Ohrenkneifer aus ihren Verstecken empor kriechen, steigen andere Nachtbesucher aus den Baumkronen herab: Die unteren Äste des Tulpenbaumes sind am späten Abend voller grüner Laubheuschrecken. Neben der Gemeinen Eichenschrecke  fand ich auch ähnliche, aber flügellose Exemplare. Die südliche Eichschrecke (Meconema meridionale) hat sich auch ohne zu fliegen in den letzten Jahrzehnten vom Mittelmeerraum bis zu uns verbreitet.

Meconema meridionale auf der Rinde des Tulpenbaumes.

Wie hat sie das geschafft?  Sie surft auf Autos ! Sicher gab es noch andere Transportmittel. Aber sie ist jedenfalls der perfekte Kulturfolger. Sie mag es nämlich gern warm und bewohnt daher nur Gärten und Gehölze im Siedlungsraum, wo Mauerwerk und Asphalt die Sonnenwärme besser halten. Sie klettern im Schutz der Dunkelheit aus den Baumkronen herab, um weiter unten gute Eiablage-Plätze zu finden. Das hörbare Grillenzirpen muss allerdings von jemand anderem stammen- die Eichschrecken musizieren nur trommelnd – und für uns unhörbar.

Zwei, die tagsüber unter den Blumentöpfen kauern, treffen sich nachts am kalten Büffet. Forficula auricularia und Porcellio scaber auf Kapmargertiten (Osteospermum)

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