Kennste einen, kennste alle

In Tagen der Coronaseuche kann man gut beobachten, wie leicht wir Menschen  unsere Erfahrungen verallgemeinern. Beispiel: Gemeinsam feiernde Personen wurden als Keimzelle einiger Corona-Ausbrüche identifiziert. Daraufhin sehen sich alle Menschen  grob ähnlicher geografischer Herkunft  (südlich der eigenen Heimat reicht) oder auch Altersgruppe als verantwortungslose Egoisten betitelt. Man ärgert sich über einen, und nimmt alle „Verwandten“ in Sippenhaft. Das Phänomen ist natürlich nicht neu, und es gibt auch Beispiele aus dem Garten.

Die Braune Randwanze auch Hasel-Randwanze (Gonocerus acuteangulatus) paart sich auf den Rosen.

Imagekiller

Was fällt Euch beispielsweise zu „Wanzen“ ein? Jetzt mahl ehrlich: Wer hat „ihh“ gedacht? Eine Wanzenart kennen nämlich alle: Bettwanzen. Ekelig, solch blutsaugende  Besucher im eigenen Bett. Dabei dürften die Meisten ihre Erkenntnisse über Bettwanzen eher aus der fiktionalen Literatur beziehen als aus dem echten Leben.

Hellbraune Glasflügelwanze (Rhopalus subrufus) ein reiner Vegetarier mit durchsichtigen Flügeln.
Feuerwanzen (Pyrrhocoridae)

Schnabelkerfen

Dabei gehören Wanzen zu einer unglaublich großen Gruppe im Insektenreich, der Ordnung „Schnabelkerfen“. Den Namen haben sie von ihrem schnabelförmigen Mundwerkzeugen, die fast immer zum Saugen von Pflanzensäften benutzt werden. (Außer bei der Bettwanze, die aber in meinem Garten und Bett  nicht wohnt). 80.000 Schnabelkerfen-Arten gibt es weltweit, ein Zehntel davon in Europa. In die Ordnung gehören auch Zikaden. Und Blattläuse. Die ja auch keiner mag. Dabei bilden sie anscheinend sowas wie den „Krill“ meines Gartens – die Futtergrundlage für viele meiner Gartenbewohner.

Familientreffen bei den Schnabelkerfen: Eine Käferzikade (Issus coleoptratus) und eine Weichwanze (wahrscheinich Stenodema laevigata) auf Iris-Blättern

Profistinker

Wanzen produzieren Sekrete zur Abwehr von Fressfeinden. Diese Abwehrsekrete können bis zu 18 verschiedene Komponenten enthalten, manche sind giftig, andere nur eklig. Zu Verständigung untereinander nutzen Wanzen auch gern mal „Düfte“, allerdings sind einige davon für unsere Nasen wenig anziehend. Andere duften angeblich nach Vanille. Der Vorteil ihrer Wehrhaftigkeit ist, dass man Wanzen ziemlich leicht beobachten kann – sie sitzen oft ohne jede Deckung und am helllichten Tag auf Blüten und Blättern. Frei nach dem Motto: „Friss mich doch, wenn Du dich traust.“ Andere halten sich gut versteckt, wie die plattgedrückten Rindenwanzen.

Die Beerenwanze (Dolycoris baccarum) kann man sogar beim Früchte sammeln im Wald riechen. Die Norweger nennen solche Wanzen „Beerenfurz“.

Fastfashion

Die Streifenwanze gewinnt den Preis für das coolste Outfit. Sie wohnt allerdings ein paar Meter außerhalb des Gartens am Feldrand.

Warum sollte man Wanzen beobachten wollen? Ich finde sie recht hübsch. Ihre Rückenschilde sind teils bemalt, als hätte jemand einer Grundschulklasse erlaubt, ihrer Fantasy bei der Gestaltung freien Lauf zu lassen. Als hemimetabole Insekten erscheinen sie in verschiedenen Entwicklungsstadien. Vom knubbelig -bunten Stecknadelkopf bis zum fingernagelgroßen Endstadium braucht es (meist) fünf Häutungen, jede mit einem eigenen Kleid. Erst als Erwachsene bekommen Wanzen ihre Flügel. Ihre Jugend verläuft also ganz anders als die der Käfer, mit denen sie gelegentlich verwechselt werden. Letztere verlassen ihr Ei als Larve und verpuppen sich irgendwann, um direkt als Imago, also erwachsenes Tier neu zu schlüpfen.

Diese Rindenwanze (Aneurus avenius) lebt mit ihrer Familie unter der Rinde des toten Flieders, der als Rankhilfe für meine Clematis stehen bleiben sollte.
Nymphen der Rindenwanze
Die Formen sind sehr vielfältig: Dickfühlerweichwanze (Heterotoma planicornis)
Campyloneura virgula hat keinen deutschen Namen. Außerdem haben sie ein interessantes Verhältnis zum Sex: Es gibt keinen. In Deutschland wurden nur Weibchen gefunden, während es in anderen Gegenden der Welt auch männliche Tiere gibt.


Gegenprobe

Um noch mal auf das Thema „Kennste einen, kennste alle“ zurückzukommen: Mücken sind mindestens so unbliebt wie Wanzen. Sie stechen und spucken ihre Erregersuppe in unsere Blutbahn, ihr enervierendes Sirren kann einen mitten in der Nacht aus dem Bett scheuchen und ihre Stiche schwellen zu juckenden Beulen an. Kein Mensch braucht Mücken. Oder?

Eine Stechmücke im Ansitz am Tulpenbaum


Abgesehen davon, dass wir Mücken natürlich dringend aus ökologischen Gründen benötigen (etwa als Futter für viele andere Arten) gibt es Mückenvertreter, die ich nicht missen möchte, auch wenn sie sich niemals in meinen Garten verirren werden: Winzige Mücken der Gattungen Forcipomyia und Euprojoannisia sind die einzigen(!) Bestäuber der Kakaopflanze. Keine Mücken, keine Schokolade. SO ist das nämlich. Und wenn alle Wanzen unter einem schwarzen Schaf in der Familie leiden müssen, sollten wir die Konsequenz haben, alle Vertreter der Mückenfamilie für die heldenhafte Bestäubungsleistung einiger winziger Gnitzen zu ehren. Zur Not mit einem Blutopfer.

Diese Wanze traf ich nicht im Garten, sondern auf der Finnlandfähre

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