Die grüne Wüste

„Rasi“, unser Roboterschaf, befindet sich noch im Winterschlaf in der Garage. Mähroboter und Rasen überhaupt sind Naturschützern ein Zeichen für eine gedankenlose Gartenbesitzerin ohne Sinne für die Natur. „Aus rein ökologischer Sicht wissen wir natürlich, dass Rasenflächen grün gestrichene Wüstengebiete sind. Die makellose Monokultur im eigenen Garten.“ schreibt Alexandra Scheucher in ihrem Blog Wildgarten.org. Ich habe da allerdings Einwände. Mein Rasen ist schon deshalb nicht unbelebt, weil wir schließlich auf ihm wohnen. Rasen ist nun mal der Teil des Gartens, auf dem man läuft, spielt, abhängt, grillt, chillt… Rasen ist der Teppich für meinen Außenwohnbereich. Möglicherweise wäre Brombeergestrüpp oder eine Wildwiese ökologisch wertvoller – aber unseren Cricketspielen, Nervschlachten und Übernachtungszelten wären sie eben doch sehr hinderlich.  

Es ist nicht egal…

Auf 1,8 Millionen Hektar in Deutschland wächst Rasen, etwa 5 Prozent der Fläche der Bundesrepublik sind damit bedeckt, hat die  Rasen-Fachstelle der Universität Hohenheim ermittelt (doch, sowas gibt es. Krass, oder?).  Zum Vergleich: Kartoffeln wurden 2021 auf einer Fläche von 270.000 Hektar angebaut. Also fast 7 mal mehr Rasen als Kartoffelacker und mehr als doppelt so viel Rasen wie Wasserfläche in Deutschland. Gibt es eine Chance, diese gigantische Fläche für unsere Mitbewohner nutzbar zu machen- und sie dabei trotzdem für meine Familie frei zu halten?

Ist dies überhaupt ein Rasen?

Dass mein Rasen eine öde Monokultur sei, kann ich leicht wiederlegen. Auf meiner Suche nach den Mitbewohnern meines Gartens lande ich nicht selten auf dem Bauch liegend im Gras und fotografiere Wildbienen auf Wildkräuterblüten, Pilze, Schnecken, Käfer, Wanzen, Ameisen usw. Obwohl „Rasi“ mit scharfem Schwert alle Lebewesen zurechtstutzt, die zu Höherem streben, hat meine sonstige Untätigkeit bereits dazu geführt, dass die einst ausgesäten Gräser sich ihr Territorium heute mit vielen anderen Arten teilen müssen. Es wird nicht gedüngt, „vertikutiert“ oder sonstwie „belüftet“. Bei meiner Google-Recherche zum Rasenthema stellte ich (wieder einmal) konsterniert fest, dass, sobald man den Namen einer beliebigen Lebensform in Zusammenhang mit Rasen googelt, direkt Vorschläge zur Bekämpfung erhält. Es gibt beispielsweise dornenbewehrte Metallrollen, mit denen man seinen Rasen behandeln soll, um möglicherweise unter der Grasnarbe schlummernde Insektenlarven aufzuspießen. Auch das Ausstechen von Unkräutern oder die Entfernung von Moos scheint für manche Mitbürger ein zeitraubendes, aber mit Ehrgeiz betriebenes Hobby zu sein. Manchmal denke ich, dass ich in den zwei Jahren Blogrecherche zwar einiges über Insekten und Gliederfüßer gelernt habe – aber noch mehr über Menschen. Mein Rasen wird jedenfalls werder „verteidigt“ noch gewässert. Deshalb lasse ich mir wegen meiner Rasenflächen auch kein schlechtes Gewissen einreden – die gelten nämlich strenggenommen gar nicht als „Rasen“.

Wiese mit Rasencharakter

Xenia Rabe-Lehmann schreibt in ihrem Blog „Berlingarten“: „Wenn du in einem Gespräch mächtig beeindrucken willst, sagst du, du hättest dich für Hemikryptophyten im Rasen entschieden.“ Das ist mal ein Gartenratschlag, mit dem ich etwas anfangen kann! Der Zungenbrecher Hemikryptophyten bezeichnet alle möglichen Stauden, deren Knospen direkt auf der Erdoberfläche liegen und so halb (Hemi)  von Laub- oder Streuschicht bedeckt sind. Im Rasen überleben vor allem jene, denen der Rückschnitt nichts ausmacht.

Also, wer wohnt in meinem Rasen? Gänseblümchen (Bellis perennis) in rauen Mengen, Löwenzahn (Taraxacum officinale), Scharbockskraut (Ficaria verna) unter der Buche und die Gewöhnliche Braunelle (Prunella vulgaris),  Ehrenpreis (Veronica filiformis), Weißklee (Trifolium repens) und Vogelmiere (Stellaria media), Wegericharten und sicherlich jede Menge unbestimmtes. An die Unterscheidung von Moosen habe ich mich noch gar nicht herangetraut. Die Schopftintlinge waren leicht zu bestimmen. Die häufigeren kleinen braunen Hutpilze könnten Samthäubchen (Conocybe) sein.


Käferdämmerung

Mein „Kräuterrasen“ bietet auch tierischen Mitbewohnern einen passenden Lebensraum. Eines morgens im Mai saß ich mit meiner Kaffeetasse auf der Gartentreppe und beobachtete, wie ein großes Insekt sich durch die noch feuchten Grashalme nach oben kämpfte. Es war ein recht großer, brauner Käfer, einem Maikäfer nicht unähnlich. Dann kam noch einer, und noch einer, sie krabbelten zu den Spitzen der Grashalme und hoben etwas ungelenk ab. Vom Gartenlaubkäfer (Phyllopertha horticola) hatte ich zuvor noch nie gehört, fühlte mich aber vom kollektiven Schlupf der schimmernden Käfer in der Morgensonne ein wenig an die Videos vom Schildkrötenschlupf an einsamen Stränden erinnert… (Ne, es war wirklich nur Kaffee in der Tasse). Den Rasenkeller mit Graswurzel-Catering nutzen auch Wiesenschnaken (Tipula paludosa) als Kinderstube. Bei  mir ist das kein Problem, aber auf dem Fußballplatz der Kinder stoben die langbeinigen Fliegen im letzten Frühsommer zu Hunderten auf- das war nicht nur etwas eklig, sondern auch eine sichtbare Belastung für das Grün. Massenhaft fette Schnaken- oder Käferlarven scheinen auf den ersten Blick auch kein besonderer Gewinn für den Artenschutz. Sie sind aber – wie auch meine gehassten Zündslerraupen- wichtiges Futter für andere Mitbewohner.

Ein Garten-Laubkäfer (Phyllopertha horticola) – seine Larven saugen an Pflanzenwurzeln, später graben sie sich zur Verpuppung tiefer ein.
Eine Langhornmotte ruht sich auf dem Rasen aus.

„Deutsches Gras“ in deutschen Gärten

In wenigen Wochen wird mein „Rasen“ sein Galakleid anlegen und aus dem Winterschlaf erwachen: Die Elfenkrokusse (Crocus tommasinianus) haben ihren Frühlingsauftritt und locken frühe Bestäuber an. Erst wenn sie verblüht sind, wird Rasi wieder an seinen Arbeitsplatz entlassen, um sich um den häufigsten Mitbewohner deutscher Gärten zu kümmern: Das Deutsches Weidelgras (Lolium perenne) und die Wiesenrispe (Poa pratensis). Sicher gibt es noch viel mehr Grasarten in meiner Wiese. An den Rändern, wo sie zur Blüte hochwachsen, hat mir meine Bestimmungsapp den Verschiedenblättrigen Schwingel (Festuca heterophylla) vorgeschlagen und die Taube Trespe (Bromus sterilis), außerdem Poa trivialis, das gewöhnliche Rispengras und das Acker- Fuchsschwanzgras (Alopecerus myosuroides). Ob das exakt ist muss hier offen bleiben. Die richtige Bestimmung von Gräsern wär ein Projekt für die nächste Pandemie.

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