Mitbewohner des Monats: Wilder Mohn

Es gibt ja manchmal diese kleinen, inhabergeführten Cafés oder „Restaurants“, die nur ein ganz begrenztes Angebot haben und außerdem Öffnungszeiten von 12 bis Mittag – und die man trotzdem sehr schätzt. So etwas habe ich auch im Garten – also aus Insektensicht: Der Klatschmohn (Papaver rhoeas) blüht.

All you can eat – to go!
Die duftlosen Blüten sind nur wenige Stunden geöffnet, dann fallen sie schon wieder auseinander, Nektar gibt es gar keinen und das Interiör… Also für menschliche Augen ist das leuchtende Knallrot natürlich eine Show, aber Bienen zum Beispiel können überhaupt kein Rot sehen.  Der Pollen muss also fantastisch sein, denn bis etwa 10 Uhr Morgens sind die frisch geöffneten Blüten rappelvoll besucht. Einige Gäste wälzen sich regelrecht in den großen Blütenpools – und räumen dabei die Staubfäden häufig komplett mit ab. Mohn hält tatsächlich einen Pollenrekord: 300 Millionen Pollenkörner pro Pflanze, 2,5 Mio. pro Blüte – das ist Weltspitze!  (Pfingstrosen spielen in einer ähnlichen Liga, aber meine sind gefüllt, da kommt ja kaum einer dran). Die Strategie lautet quasi: Ich mach soviel, dass könnt ihr gar nicht alles fressen – und der Rest bestäubt dann eben die nächste Blüte.

Diese Wildbiene badet in Pollen – ihre Sammelbürste am Bauch wird dabei voll, die Staubfäden der Blüte fallen ab.



Im Rhythmus der Feldarbeiten
Dieses Konzept (viel herstellen, dann wird schon was übrig bleiben) verfolgt Papaver auch bei der Samenbildung: 20.000 – 50.000 Samenkörner pro Pflanze, das ist ordentlich Masse. Die Körner keimen, wenn sie ganz nah an der Oberfläche liegen. Wer auf dem Acker (zum Beispiel nach dem Pflügen) tiefer landet, hält bis zu 10 Jahre durch – und hat noch mehrere Zyklen die Gelegenheit, bei der Bodenbearbeitung wieder näher ans Licht zu gelangen. Wer über den Mohn noch mehr lesen möchte, kann zum Beispiel hier reinschauen.

Eine Waffenfliege ruht sich auf einer noch geschlossenen Knospe aus.
Beim Aufblühen sind die Blütenblätter noch verknittert. Es ist ein bißchen wie im Film Aschenbrödel, wenn die Zauberkleider aus der Nußschale brechen.
Eine Goldwespe auf einer unreifen Samenkapsel. In der Mitte sieht man Ameisen, die ihre Blattlauskühe pflegen.

Bunte Verwandtschaft

Mohnsamen kann ich grammweise ernten. Kann man damit etwas machen? Mohnkuchen vielleicht? Leider nein. Speisemohn stammt vom Schlafmohn (ja, der mit dem Morphium). Es gibt verschiedene heimische Mohnarten, die nicht immer leicht zu unterschieden sind. Dagegen ist mein gelber „Scheinmohn“ Papaver cambricum ein „Neophyt“, der eigentlich weiter südlich zuhause ist. Ich habe ihn wegen seiner tollen orangenen Farbe gekauft, die sich – so dachte ich mir das, gut zwischen violettem Salbei und Lavendel machen würde.  Bisher kann er sich aber nicht besonders gut durchsetzen- außerdem hat er sich entschieden lieber knatschgelb zu blühen.

Apropos Farbe: Welches Aushängeschild nutzt Papaver denn nun, um die Bestäuber anzulocken? Seine Blütenblätter reflektieren UV-Licht besonders gut, das nun wieder wir nicht sehen können. Könnte also sein, dass das Blütenstyling auch aus Bienensicht spektakulär ist – nur eben ganz anders, als für uns.  


Der Klatschmohn hat vor einigen Jahren schon eine etwas prominentere Ehrung erhalten, als mein Mitbewohner des Monats zu sein: Er war Blume des Jahres 2017 der Loki-Schmidt-Stiftung. Der Umweltstiftung ging es darum, ein Zeichen für die Acker-Beikräuter zu setzen, die unter Pestizid-bereinigten Fluren leiden. Bis zu einer naturnäheren Landwirtschaft gewähre ich gern weiter Asyl.

Eine Erdhummel fliegt ab. Mohn bietet keinen Nektar, aber Pollen, die leicht erreichbar sind.
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