Im Gleichschritt

Noch ist Vorsaison im Garten, auch wenn die Sonne einige Frühaufsteher wachgeküsst hat.  Auf der Suche nach neuen Mitbewohnern hab ich die Quartiere der Dauercamper durchwühlt, die Hitze und Besucheransturm im Hochsommer lieber meiden. Dort im Boden, unter Laub und Steinen wohnen Geschöpfe, die mehr Beinen haben, als sich Schuhe in unserem Haus befinden.

Untergrund-Kühe

In einem einzigen  Quadratmeter Boden leben mehrere Hundertausend Tiere, Faden- und Regenwürmer, Milben, Asseln, Springschwänze, Insekten und Tausendfüßer. Auf der Seite Bodentierhochvier.de sind sie beschrieben. Außerdem heißt es dort: In einem Hektar Boden (also anderthalb Fußballfelder) tummeln sich 15 Tonnen Kleinlebewesen, das entspricht dem Gewicht von 20 Kühen! Die meisten davon werde ich wohl nicht zu Gesicht bekommen, aber ein Grüppchen zeigt sich derzeit unter jedem Stein, den man umdreht: Tausendfüßer – zusammengefasst im Unterstamm der Myriapoda. (Oder der Überklasse, das scheint noch nicht ausdiskutiert.) Die werden dann weiter aufgeteilt, unter anderem in Hundertfüßer und Doppelfüßer. (Warum man auf diese taxonomische Sortiererei nicht ganz verzichten kann hab ich ja schon mal erklärt).

Ganz ohne Füße: Regenwürmer sind von den Bodenbewohnern vielleicht noch am bekanntesten.

Fußtruppen im Boden

Was denn nun – tausend oder hundert Füße? Also zuerst: Tausend Füße, eigentlich Beine, hat keins der Krabbeltierchen. Der exotische Rekord liegt bei irgendwas um die 700. Den Unterschied macht auch gar nicht die Beinzahl: Tausendfüßer heißen alle mit vielen Beinen. Hundertfüßer haben an jedem Segment des Körpers nur ein Beinpaar.  Doppelfüßer haben an jedem Segment zwei Beinpaare – man kann das auf den Bildern gut erkennen. Jungtiere haben meist weniger Beine – denn bei den verschiedenen Häutungen kommen immer mehr Körpersegmente mit ihren Beinpaaren hinzu. Viele Tausendfüßer werden mehrere Jahre alt und wachsen dabei beständig weiter.

Ein Hundertfüßer, ein Beinpaar pro Segment
Ein Doppelfüßer, mit zwei Beinpaaren pro Körperabschnitt. Das scheint beim Laufen eher hinderlich. Es ist ein Bandfüßer, und er mochte es nicht, auf dem Rücken zu liegen.

Räuber und Laubfresser

Hundertfüßer sind die ersten Giftmörder der Erdgeschichte, sie töten seit 400 Millionen Jahren mit Beißzangen, die einen Cocktail tödlicher Substanzen injizieren. Die genaue Zusammensetzung dieser Gifte ist eine  eigene Wissenschaft. Hunderte toxischer Verbindungen kommen vor, und jede Art hat eine ganz eigene Giftmischung. Größere, tropische Exemplare vergiften Nagetiere und Fledermäuse, ihre Bisse sind auch für Menschen äußerst schmerzhaft. Tödlich sind sie aber entgegen der im Internet kursierenden Horrormeldungen nicht.

Ein Erdläufer, vieleicht ein Jungtier des Gemeinen Steinläufers (Lithobius forficatus) – sicher kann man das aber nicht sagen.

Der bei uns häufige Steinläufer produziert Gifte aus mindestens 20 verschiedene Toxin-Familien, wie eine Arbeitsgruppe aus Oxford zeigen konnte.  Damit erlegt er kleine Insekten und Spinnen, die er mit Hilfe seines Tastsinnes an den Fühlern aufgespürt hat. Er besitzt auch eine Ansammlung von Punktaugen. Diese Augen sind seit Jahrzehnten Gegenstand der Forschung, weil sie als Merkmale für die Verwandtschaftsverhältnisse verschiedener Gliedertiere herangezogen werden. Über ihre Funktion konnte ich trotzdem nicht viel herausfinden.

Ein Erdkriecher (Stigmatogaster subterranea)

Der bisherige Garten-Rekordhalter im Beinbesitz ist dieser Erdkriecher,  Stigmatogaster subterranea. Erdkriecher sehen aus wie ein lebender Faden und sind sehr flexibel. Dieser hier lag ziemlich verknotet unter der Vogeltränke. Aufgescheucht wand er sich in wirklich akrobatischen Verrenkungen immer wieder nach oben -ich dachte schon die Terrassenbohlen bereiten ihm Schmerzen. In Wahrheit wollte er mir als vermeintlichem Fressfeind seine Bauchplatten entgegenstrecken, die mit einem Wehrsekret ausgestattet sind. Die Flüssigkeit härtet rasch aus und soll meine Beißwerkzeuge verkleben. Manche Arten aus seiner Verwandtschaft können sogar leuchten, um den Angreifer zu verwirren, das werde ich demnächst mal im Dunkeln überprüfen. Er kann Beutetiere erlegen, die deutlich größer sind als er selbst, etwa Regenwürmer oder Käferlarven. Die Jungtiere schlüpfen schon mit der kompletten Segmentzahl. Auf dem Foto zähle ich stattliche 67 Segmente, also 134 Beine.

Ein Schnurfüßer, vielleicht der Gepunktete Schnurfüßer (Cylindroiulus punctatus)?

Dieser Schnurfüßer dagegen trägt an jedem seiner gut 40 Segmente zwei Beinpaare. Die Punkte an den Flanken sind Wehrdrüsen, die ein giftiges Sekret als Fraßschutz enthalten. Wer nicht gefressen wird, kann mehrere Jahre alt werden, erwachsen sind die Tiere erst nach 3 Jahren. Sie selbst vertilgen friedlich Holz und Laubstreu oder Moos und belüften den Boden mit ihren Gängen. Augen hat er keine, und er bewegt sich eher langsam. Statt zu flüchten, schützt er sich mit der „Igel-Methode“: Einrollen, Abwehrwaffen präsentieren und hoffen, dass der Feind von dannen zieht.

In Abwehrhaltung. Die Pukte sind Wehrdrüsen.

Leider habe ich das „Hinterende“ nicht scharf abgebildet, deshalb kann man die genaue Art nicht feststellen. Es könnte beispielsweise der gepunktete Schnurfüßer sein.

Ein Bandfüßer, Brachydesmus spec.. Die Schnecke heißt Gefleckte Schlüsselschnecke.

Eine Schnur ist rund, ein Band eher flach – folgerichtig gehört dieser Vertreter der Doppelfüßer zu den Bandfüßern. Davon gibt es vergleichsweise wenig Arten in Deutschland (nur 16). Dieser hier könnte zum Beispiel Brachydesmus superus sein, also der kleine gewöhnliche Bandfüßer, das ist aber am Foto nicht sicher zu sagen. Er ist blind und lebt in der Laubstreu von totem Pflanzenmaterial, Moos und Algen.

Wird dss ein Nest – oder nur ein Schlafplatz?

Obwohl ich in den letzten beiden Wochen wirklich einiges über die Vielfüßer unter meinen Mitbewohnern gelernt habe, sind reichlich Fragen offen geblieben. Eigentlich erstaunlich, wie wenig man offenbar von dieser Tiergruppe weiß. Wollte man sich noch wissenschaftliche Meriten verdienen, scheint mir eine Beschäftigung mit den Myriopden jedenfalls lohnenswerter als mit Schmetterlingen oder Käfern – für die sich ungleich mehr Menschen zu interessieren scheinen. Wofür sind die vielen Beine überhaupt gut, wenn sie beim schnellen Laufen eher behindern? Wie sieht Sex mit hunderten Beinen aus und fressen Hundertfüßer ihre doppelfüßigen Nachbarn? Ich werde die Fußtruppe im Auge behalten.

Steinläufer unter den Blumentöpfen

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