Wo ist der Schneckenkönig?

Eine zutrauliche Achatschnecke

Vor Weihnachten hatte ich exotische Übernachtungsgäste: Vier Achatschnecken warteten in einer großen Blumenvase auf ihren Einsatz als Weihnachtsgeschenk und den Umzug in ein artgerechteres Domizil. Die aus Afrika stammenden Weichtiere sind als Haustiere beliebt und gelten als pflegeleicht und anhänglich: Man kann sie auf den feuchten Händen herumschleimen lassen, das fühlt sich nach kurzer Gewöhnung an wie eine Liebkosung. Wenn man sie anspricht strecken sie sich dem feuchtwarmen Atem ihres Halters entgegen und scheinen sich unterhalten zu wollen. Trotz der beengten Verhältnisse krochen unsere vier mit äußerst beruhigender Gelassenheit in allen drei Dimensionen des Behälters umher und knusperten dabei mit einem gemütlichen Knistern den angebotenen Salat. Man könnte sie in Corona-Zeiten als Meditationslehrer in Sachen Geduld, Gemächlich- und Genügsamkeit einsetzen.

Schneckenliebe

Hain-Bänderschnecke

Ich muss gestehen, meine alte Schneckenliebe aus Kindertagen erwachte kurz aus dem Dornröschenschlaf. Ich überlegte sogar, mir eigene Schneckenfreunde zu erbitten. (Ich hab es dann aber gelassen. Derzeit reicht es mir, hinter der eigenen Brut her zu putzen.) Die Erfolgsautorin Patricia Highsmith hegte eine besonders exzentrische Liebe zu den geruhsamen Gastropoden: Nachdem sie offenbar 1946 zwei sich liebkosende Weinbergschnecken vom New Yorker Fischmarkt rettete, begann sie nicht nur Schnecken zu halten, sondern schleppte sie auch in einer Handtasche herum. Der Legende nach soll sie auf langweiligen Partys mit ihnen gespielt haben. Jedenfalls hat sie ihnen sehr genau zugeschaut. In ihrer ziemlich ekligen Erzählung „Der Schneckenforscher“ beschreibt sie den Liebesakt der Tiere: „..bei beiden Schnecken erschien auf der rechten Kopfseite ein kleiner Auswuchs, etwa wie ein Ohr. … Als die ohrförmigen Gebilde genau Rand an Rand lagen, schnellte aus dem einen Ohr ein weißliches Stäbchen hervor und bog sich wie ein Fühler dem Kopf der anderen Schnecke entgegen…“ Staunend lässt sie den Protagonisten die zwittrige Paarung der Weinbergschnecken beobachten.

Wenn es zu trocken ist, kleben Schnirkelschnecken wie diese Weinbergschnecke (Helix pomatia) sich einfach irgendwo fest und warten auf den nächsten Regen.

Weinbergschnecken habe ich im Garten noch nicht angetroffen, sie leben aber in der Nachbarschaft. Auf schleimende Mitbewohner muss ich trotzdem nicht verzichten – mein Garten beherbergt nämlich neben den (derzeit in Winterruhe befindlichen) Bänderschneckenarten noch weitere liebenswerte Kalkhäuslebauer – allerdings viel kleinere als die tropischen Achat- oder Weinbergschnecken.

Blaublütig mit maritimer Abstammung

Landlebende Gehäuseschnecken haben ihre Vorfahren im Meer. Ihre ursprünglichen Kiemen haben sich zurückgebildet und ein Organ zur Atmung auf dem Trockenen ist entstanden. Man spricht von „Lungenschnecken“, obwohl das vielleicht ein wenig übertrieben ist: Die „Lunge“ ist eine besonders gut durchblutete Höhle im Mantel. Fein verzweigte Kapillaren des Gefäßsystems nehmen dort über die Gefäßwand Sauerstoff aus der Luft auf. Dazu wird ein Atemloch geöffnet und wieder geschlossen. Zusätzlich können Schnecken auch einfach über die Haut Sauerstoff „tanken“. Das Blut der meisten Schnecken ist übrigens blau – auch ohne Adelstitel. Während bei uns der rote Blutfarbstoff Hämoglobin (mit einem Eisenatom in der Mitte) als Sauerstoffträger fungiert, nutzen die meisten Schnecken (sowie Insekten und Gliederfüßer) Hämocyanin – eine bläuliche Substanz, bei der Kupfer für die Sauerstoffbindung zuständig ist.

Ein linker König

Die Gehäuse der Schnecken sind bei fast allen Arten rechtsherum gewunden, es gibt aber Ausnahmen. Ganz selten findet man eine gegen die Norm linksgedrehte Schnecke – ein sogenannter Schneckenkönig. Solche Gehäuse waren in früheren Sammlungen heiß begehrt und teuer gehandelt.  2016 fanden britische Forscher einen lebenden Schneckenkönig der Art Cornu aspersum. (Die Gefleckte Weinbergschnecke, die nur weniger hundert Meter von meinem Garten entfernt in größeren Gruppen lebt.) Sie tauften den König Jeremy, nach Jeremy Corbyn, Parteichef der Linken (Labour) im britischen Unterhaus. In einer äußerst erfolgreichen Medienkampagne riefen sie „Citizen scientists“ also Hobbyforscher weltweit auf, linksgedrehte Tiere der gleichen Art zu finden und einzusenden. Kurz vor Jeremys Lebensende klappte die Fortpflanzung, und die Forscher untersuchten die Nachkommen. Im letzten Jahr veröffentlichten sie ihre Ergebnisse: Die Linksdrehung wird nicht nach den Mendelschen Gesetzen vererbt. Liebenswert, dass in der Publikation nicht nur die Hobbyforscher als Autoren aufgeführt werden, sondern auch „Jeremy die Schnecke“.

Die häusliche Schneckensammlung – alle rechtsrum. Neben Hain- und Gartenbänderschnecken noch Weinbergschnecken und gefleckte Weinbergschnecken.

Wie kommt es denn nun dazu, dass eine Schnecke „falsch gewickelt“ wird? In einem sehr frühen Stadium der Embryonalentwicklung bestimmen gewisse Proteine (Formin) die Organisation der Zelle. Genau ist der Vorgang noch nicht verstanden, aber bei einer Schneckenart konnten Forscher aus Japan zeigen, dass die Ausschaltung eines einzelnen Gens zu linksgedrehten Häusern führte – weil ein bestimmtes Formin nicht gebildet wurde. Bei den Forschungen geht es nicht nur um Schnecken – denn die Links-rechts-Seitigkeit von Lebewesen ist von grundsätzlichem Interesse. Schnecken haben den Vorteil, dass man an der Gehäusedrehung schon von außen erkennt, welche Ausrichtung ein Individuum hat.

Die Verwandten dieser Spitzenschlammschnecke (Lymnaea stagnalis) wurden für Versuche zur Rechts-Links-Ausrichtung von Schneckenhäusern benutzt. Diese wohnt ein paar Hundert Meter von meinem teichlosen Garten entfernt.

Falsche Majestäten

Eine Schneckenfamilie in meinem Garten ist übrigens immer linksrum: Schließmundschnecken haben die andere Drehrichtung konserviert. Sie sind quasi falsche Schneckenkönige. Falsche Schneckenkönige finden sich auch in vielen Büchern: Ganz alte Abbildungen gehen oft noch auf Kupferstiche zurück. Weniger naturbegeisterte Künstler legten häufig keinen Wert darauf, abgebildete Schneckenhäuser auf der Druckplatte zu spiegeln, damit sie im eigentlichen Druck wieder richtig herum erscheinen. Und auch in manchen neueren Abbildungen sind falsche Schneckenkönige entstanden – weil moderne Bildbearbeitungsprogramme mit nur einem Klick ermöglichen, ein Foto zu spiegeln, beispielsweise um ein harmonischeres Gesamtbild zu erzeugen. Einige Beispiele dafür haben die Macher von diesem schönen Blog zusammen getragen.

Eine Schließmundschneckevon Natur aus links.

Ich kann diese Schließmundschnecke nicht näher bestimmen. Falls es die Gewöhnliche Schließmundschnecke  (Alinda biplicata) ist, was passen könnte, bringt sie bis zu 10 lebende Jungschnecken zur Welt. Dabei schlüpfen die Babys im Körper der Mutter aus den Eiern. Zwitter sind diese Schnecken aber trotzdem. Die Mutter ist also nicht weiblich.

Die Große Glanzschnecke (Oxychilus draparnaudi) fällt auch etwas aus der Reihe. Sie ist Räuber statt Vegetarier. Und zwar Schneckenräuber. Die frischgeschlüpften Hainbänderschnecken würde sie gern vernaschen, dabei leckt sie die Häuser mit ihrer Raspelzunge sauber aus.

Schneckenbabys: Schlüpflinge einer Bänderschnecke, im letzten August fotografiert.

Diese Gemeine Glattschnecke (Cochlicopa lubrica) ist winzig (etwa 5 mm klein), aber sie wird mehrere Jahre alt und ist erst mit 2 Jahren „erwachsen“, also geschlechtsreif. Sie vermehren sich das ganze Jahr über.

Glattschnecke Cochlicopa spec , vielleicht gemeine Glattschnecke

Diese hübschen Knöpfe erinnern ein wenig an Ammoniten, sind aber nur etwas mehr als einen halben Zentimeter groß. Es sind gefleckte Schlüsselschnecken (Discus rotundatus), die unter einem Blumentopf auf moderndem Kirschholz leben.

Gefleckte Schlüsselschnecke (Discus rotundatus)

Die ursprüngliche Achat-Schneckenmutter hatte mir noch eine Warnung an die zukünftigen Gastropodenhalter mit auf den Weg gegeben: Die Tiere paaren sich regelmäßig und legen dann sehr viele Eier, die man entfernen sollte (sie hatte sie dem Igel als Nachtsnack angeboten). Einmal war eine Gelege der Kontrolle entgangen, kurz darauf erblickten knapp 80 Jungschnecken das Licht der Welt. Aussetzen ist verboten, und töten mochte sie die Schlüpflinge auch nicht.  Sie ist seit fast einem Jahr beschäftigt, neue Schneckenhalter zu überzeugen. In Patricia Highsmith Erzählung bedecken die Schnecken schließlich das komplette Arbeitszimmer des ihnen verfallenen Halters und fressen ihn am Ende auf, während er von ihrem puren Gewicht niedergedrückt daniederliegt. Soweit wird es bei uns definitiv nicht kommen, denn viele Gartenbewohner haben unsere Schnecken zum Fressen gern.

Hain-Bänderschnecke (Cepaea nemoralis), erkennbar am dunklen Gehäusesaum, klebt mit Superkleber an der Fensterscheibe und wartet auf besseres Wetter.

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