Blümchensex

Frühsommer! Das große Blütenbüffet ist eröffnet.

Ich verzichte traditionell auf den Kauf von „Sommerblumen“, die auf monströse Blütenpracht gezüchtet sind und regelmäßig gedüngt werden müssen, um ihre Hochleistungsschow über mehrere Wochen durchzuhalten. Üppige Blütenpracht weiß ich trotzdem zu bewundern, etwa die Wildrose, die sich von ganz allein aus der Thujahecke gewunden und ihre zartrosa Blüten über die ganze grüne Wand verteilt hat. Daneben blühte bis vor kurzem noch der Flieder, ein Relikt meiner Gartenvorfahren. Letzterer ist auch ganz hübsch – und er riecht gut. Allerdings scheint ihn außer mir keiner meiner Gartenmitbewohnern zu schätzen.

Wildwuchs. Am besten gefällt mir, wenn Schönes von alleine kommt. Hunds-Rose (Rosa canina)

100 Millionen Jahre alte Werbefläche

Nun schmeißen  die Pflanzen sich natürlich nicht für mich in Schale. Blüten sind eigentlich als große Werbetafeln an Bestäuber gedacht: „Hier bin ich! Komm vorbei!“ Seit etwa 100 Millionen Jahren, da herrschten noch metergroße Echsen über die Erde, versucht eine Gruppe der Pflanzen die Aufmerksamkeit hilfreicher Insekten zu gewinnen. Das erwies sich offenbar als erfolgreiches Alternativkonzept neben der Zufallsbestäubung durch den Wind. Und Bestäubung ist nunmal unverzichtbar, wenn man sich sexuell vermehren will. Seitdem ist das Marketing der Blütenpflanzen immer ausgefeilter geworden. Einfach nur auffällig aussehen reicht offensichtlich nicht.

Ob da noch was zu holen ist?

Kundenbindung als Schlüssel zum Erfolg

Die Sechsjähre beobachtete kürzlich mit gerunzelter Stirn die Flugbahn einer unserer Hummelarbeiterinnen und fragte anschließend: „Was passiert eigentlich, wenn die Insekten den falschen Pollen zur nächsten Blüte tragen? Also einer ganz anderen Pflanze“, wie sie präzisierend hinterher schob. „Wird daraus ein Gemisch?“ (Ja. Zugegeben. Ich war sehr stolz auf mein kleines Mädchen und seine kluge Frage).

Eine Wildbiene auf Ahorn-Blüten, die sind grün und unscheinbar…

Aus Sicht der Pflanze reicht es ganz offensichtlich nicht, den Kunden nur einmal zum Probieren zu locken (eine veraltete Strategie von Restaurants in Urlaubshochburgen, auch als Touristenfalle bekannt). Für eine erfolgreiche Befruchtung muss der Bestäuber ein weiteres Etablissement der gleichen Kette (sprich eine andere Blüte der gleichen Art) aufsuchen, und zwar zeitnah. Damit stehen die Blüten vor der gleichen Aufgabe wie meine Kolleginnen aus der Marketingabteilung: Der Kunde muss angelockt und dann mit attraktivem Service gehalten werden. Im Idealfall ist er so begeistert, dass er zum Stammkunden wird – und ausschließlich die eigenen Produkte nutzt. Das wäre im Sinne der Bestäubung am effektivsten, denn dann landet kein mühsam produzierter Pollen auf einer falschen Blüte (Markenmanager würden von Streuverlust reden).

Diese Biene war schon fleißig. Die Löwenzahnblüte besteht aus vielen Röhrenblüten.

Schönheit allein reicht nicht

Dass Insekten nicht wahllos Blüten anfliegen, kann bereits im Rahmen einer Standard-Beobachtungszeit von einer KT (Zeit, die für den Konsum einer Kaffeetasse benötigt wird. Ein variabler Wert.) festgestellt werden: In einem schattigen Beet nahe der Garagenwand stehen Taglilien  (Hemerocallis) mit fast handtellergroßen, leuchtend gelben Blüten. Daneben sitzt etwas wild gewuchertes Schöllkraut (Chelidonium majus) mit nur fingernagelgroßen, ebenfalls gelben Blüten. Während die mickrigen Schöllkrautblüten systematisch von Hummelarbeiterinnen und Bienen besucht werden, interessiert sich niemand für die auffälligen Taglilien. (Da sie trotzdem jedes Jahr Samenkapseln bilden, muss es aber Liebhaber geben, die mir verborgen geblieben sind.) Der Flieder findet auch kaum Interessenten, nur unerfahrene Hummelarbeiterinnen besuchen die Blütenstände, lernen aber schnell, sie links liegen zu lassen, obwohl der Strauch direkt über ihrem Nest steht. Ich las, der Nektar wäre recht bitter und träfe nicht den Geschmack der einheimischen Bestäuber.

Customer Relationship Management im Straßengraben

Was kann man als Pflanze also tun, um Service und Produkt an die Bedürfnisse der Kunden anzupassen und gleichzeitig durch Zuverlässigkeit das Vertrauen der Zielgruppe zu gewinnen? Da haben 100 Millionen Jahre Symbiose wirklich einen bunten Strauß an Innovationen hervorgebracht! Erste Phase: Awareness schaffen. Also Aufmerksamkeit. Groß und bunt ist besser als klein und unscheinbar. Die Gänseblümchen zum Beispiel haben eigentlich nur winzige gelbe Röhrenblüten. Wenn man die allerdings geschickt anordnet (alle in einen dichten runden Kreis und rundherum weiße Zungenblüten), sieht es aus, als hätte man eine einzelne, fette Blüte vor sich! Eine beliebte Taktik, in meinem Garten auch beim Löwenzahn oder den Riesenblüten der Sonnenblumen zu bewundern. Auch bei der Blütenfarbe lässt sich natürlich protzen, gerne auch außerhalb des für uns Menschen sichtbaren Spektrums. Viele Blüten sind zusätzlich in UV-Farben „bemalt“.

Auch Schmetterlinge sind Bestäuber: Aurorafalter auf Knoblauchsrauke

Bestäubung als Gesamterlebnis

Der Aaronstab: Falle oder Welnesstempel?

Form und Geruch werden ebenfalls eingesetzt, um Bestäuber heranzuwinken. Der Aaronstab, der zwar nicht in meinem Garten, aber wenige Schritte weiter an einem Bach wächst, hat diese Form der Kundenkommunikation perfektioniert: Er wird quasi zur Duftlampe und heizt das Innere seiner Blüte auf tropische Temperaturen, um sein Fäkalodeur möglichst vielen Fliegen in die Flugbahn zu pusten und sie in seine Kesselfalle zu locken – aus der sie erst nach einer unfreiwilligen, aber immerhin angenehm warmen Übernachtung wieder entlassen werden.

Der Rüssel ist schon bereit – Die Akelei ist beliebt, obwohl der Einstieg anstrengend aussieht

Nachdem der Kunde einmal angesprochen ist gilt es, eine stabile Beziehung aufzubauen. Das geschieht natürlich vor allem durch die Abgabe von zuckerhaltigem Nektar und proteinreichem Pollen. Es gibt aber auch Bestäuber, die einen sicheren Schlafplatz suchen oder eine gemütliche Chill out-Zone. Andere werden mit Werbegeschenken überzeugt, etwa einer kostenlosen Parfümprobe.

Kundenleitsystem und Lieferung „on Demand“

Man weiß, dass Pflanzen auf das Summen von Bestäubern reagieren können und dann besonders überzeugenden (also zuckerhaltigen) Nektar produzieren. Trotzdem kann es natürlich sein, dass die Blüte gerade leergezogen wurde, wenn der nächste Kunde anfliegt. Eine typische „Out of Stock“-Situation, die Marketingverantwortliche zu vermeiden suchen, weil Kunden das Gefühl hassen, zu kurz gekommen zu sein. Auch diesem Phänomen begegnen die Blüten mit geeigneten Maßnahmen: einem Ampelsystem. An Kastanienblüten kann man dieses Leitsystem auch mit menschlichem Auge gut erkennen: Leuchtet der Fleck in der ansonsten weißen Blüte gelb, ist der Nektartopf gefüllt, wechselt er zu rot, ist nichts mehr zu holen. Saftmale nennt man diesen Kommunikationskanal.

Das Wandelröschen trägt seinen Farbwechsel schon im Namen, aber auch das Kaukasus-Vergissmeinnicht und das Lungenkraut wechseln ihre Blütenfarbe nach der Befruchtung.

Die Kastanien in meiner Hecke kann ich nicht zur Blüte wachsen lassen, aber einen ähnlichen Farbwechsel zeigt auch das Lungenkraut: Rosa Blüten sind noch gefüllt, blaue wurden bereits bestäubt und haben die Nektarproduktion eingestellt. Das Ampelprinzip erhöht für den Bestäuber die Trefferquote und soll die Kundenbindung steigern. Neuere Untersuchungen zeigen außerdem, dass elektrische Felder zur Kundenkommunikation genutzt werden, um den Nektarstand zu übermitteln. Bienen können also ganz ohne WLAN die Lieferfähigkeit abfragen, bevor sie das Ladenlokal aufsuchen.

Im Liegestuhl für’s Leben lernen

Der Wollschweber hat den passenden Rüssel.

Blüten zeigen, was erfolgreiches Marketing auf lange Sicht erreichen kann: Der Kunde kann gar nicht mehr anders, als in seinem Lieblingsladen zu kaufen. Bei einigen passt er nicht mehr durch die Tür oder kommt nicht an die Auslage, andere erkennt er nicht mehr als Nektargeschäft oder kann die Angebotshinweise nicht lesen.  Um wieder zur Biologie zurück zu kommen: Die Beziehungen zwischen Pflanzen und ihren Bestäubern sind hochspezifisch. Leuchtend bunte Blumen müssen deshalb nicht bienenfreundlich sein. Wer in seinem Garten unbehelligt von Schmetterlingen und Hummeln bleiben möchte, kann im Baumarkt dicht gefüllte Geranien, Petunien und andere Monsterblüher kaufen – sie sind aus Insektensicht nämlich nichts als ein leeres Werbeversprechen.

Große Klappe, nichts dahinter: dieser Mutant hält sein Versprechen nicht.

Mein Garten als Vollsortimenter

Ich  habe die gefüllten Pfingstrosen meiner Vorbesitzer nicht ausgegraben, und der Flieder darf auch weiterduften. Dafür lasse ich daneben Löwenzahn und Ehrenpreis, Schafgarbe und Wolfsmilch stehen. Allein mit mangelnder Beethygiene erreiche ich ohne weitere Investionskosten ein breites Produktsortiment für unterschiedliche Zielgruppen, auch solche mit Spezialbedürfnissen. Oder anders ausgedrückt: Unter Berücksichtigung meiner gärtnerischen Vision und einer soliden Kosten-Nutzen-Abwägung ist die effizienteste Strategie zur Zielerreichung: Nix tun, zugucken, Kaffee trinken und dabei von 100 Millionen Jahren Kundenbeziehungsmanagement lernen. Ob ich meinem Arbeitgeber das als Fortbildung verkaufen kann?

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