Erdhummel

Weißpuschelpopokönigin

Schon seit März haben wir regelmäßig königlichen Besuch im Garten. Unter einer ehemals bepflanzten und inzwischen recht verrotteten Holzkiste liegt der Eingang zum Palast der dunklen Erdhummel (Bombus terrestris). Oder nach der familieninternen Nomenklatur: Die Weißpuschelpopohummel hat Quartier bezogen.

Erdhummel (Bombus terrestris)

Eigentlich wollte ich den verrottenden Kasten, aus dem inzwischen gefährlich rostende Nägel ragen, schon seit Jahren entfernen. Offenbar sind sogar die Mäuse ausgezogen, die darunter ihre Gänge gegraben hatten. In diesem Frühling hat also eine Hausbesetzerin die verfallene Ruine übernommen. Dave Goulson, der das vielleicht populärste Buch über Hummeln („Und sie fliegt doch“) schrieb, berichtet: Die meisten Hummelnester finden sich in Gärten. Wusste ich’s doch: Schlampigkeit bei der Gartenarbeit ist gelebter Naturschutz- und Gärten haben eine Bedeutung als Ökosysteme.

Ackerhummel (Bombus pascuorum)

Heizenergie aus nachwachsenden Quellen

In den warmen Apriltagen traf ich ihre Majestät vor allem am späten Nachmittag und Abend an, wenn die Schatten schon wieder länger wurden und viele andere Insekten bereits verschwunden waren. Hitze mögen die bepelzten Pummelchen nämlich nicht. Um auch bei kühlem Frühlingswetter die 35 Grad Betriebstemperatur in ihrem Thorax (also der Brust, wo die Flugmuskeln liegen) zu halten, haben sie eine besonders gute Isolierung: Der Wintermantel ist das eine, aber zum Hinterleib hin gibt es zusätzlich einen steuerbaren Luftsack als Isolationskissen. An kalten Tagen kann der Hintern der Hummel 15 Grad kälter sein als der Thorax. So ähnlich wie unsere kalten Füße auf dem Weihnachtsmarkt, deren Werte auch deutlich unter die Körperkerntemperatur fallen können.

Glühwein für Hummeln

Ackerhumel (Bombus pascuorum) an meinem neuen Lungenkraut (Pulmonaria officinalis)

Apropos Weihnachtsmarkt: Einige Pflanzen haben „verstanden“, dass es für die frühen Flieger eine Herausforderung ist, die Temperatur zu halten. Der Energieverbrauch ist enorm, die Hummel muss ständig Nektar nachtanken. „Eine Hummel mit vollem Magen ist 40 Minuten vom Hungertod entfernt“, schreibt Goulson. Einige Pflanzen sind auf eine brillante „Idee“ gekommen: sie bieten angewärmten Nektar – damit schlägt die geschätzte Bestäuberin zwei Fliegen mit einer Klappe. (Obwohl, das ist in diesem Zusammenhang vielleicht das falsche Bild). Wie produziert man als Pflanze an kühlen Vorfrühlingstagen Heißgetränke? Man lässt einige Hefepilze einen Teil des Zuckers im Nektar vergären. Dabei entsteht Wärme, bis zu 6 Grad über der Außentemperatur. Die Hummel wärmt sich am beheizten Tresen auf und schlürft warmes Zuckerwasser – spitzen Service! Ob die Stoffwechselprodukte  der Hefe auch stimmungsaufhellend auf die Hummel wirken, konnte ich nicht herausfinden. Der Stinkende Nieswurz beherrscht diese Form von Hummel-Catering. In meinem Garten gibt es nur einen Verwandten aus der Helleborus-Sippe (Helleborus niger), ihre Majestät musste also vermutlich ohne Heißgetränke zurecht kommen. Das dürfte ja in diesem April vergleichsweise leicht gewesen sein – sie hat die Mittagshitze ja sogar gemieden.

Wer hat aus meinem Becherchen getrunken?

Ob eine Blüte bereits leergezogen wurde, erkennen Hummeln (und viele andere Insekten) übrigens schon im Anflug: artübergreifend geben bestimmte Fußduftmarken Aufschluss darüber, ob den Cocktail aus dem Blütenkelch bereits jemand vernascht hat – dann wird die Blüte so lange gemieden, wie die Neuproduktion einer annehmbaren Nektarmenge dauert. Das kann von Art zu Art sehr unterschiedlich sein. Wie genau die nektarsaugenden Pollensammlerinnen das herausfinden, ist noch nicht entschlüsselt.  

Game of Thrones

Hummel (Steinhummel?) auf Berg-Flockenblume (Centaurea montana)

Meine Mitbewohnerin war zeitig im Jahr unterwegs, fand einen geeigneten Nistplatz und legt dort kleine Wachstöpfe mit einer Art Honig an. Sie legt außerdem befruchtete Eier – das Sperma dazu trägt sie seit ihrer Paarung im letzten Herbst bereits in sich, denn lebende Männchen gibt es zu dieser Jahreszeit noch gar nicht. Sie wärmt die Eier und verpflegt sich währenddessen aus dem Honigtopf. Aus diesen Eiern schlüpfen Arbeiterinnen, die sie versorgt, bis diese groß genug sind, selbst Pflegerinnen ihrer nachfolgenden Schwestern zu werden. Dann verlegt sich die Königin ganz aufs Eierlegen und verlässt das im Idealfall schnell wachsende Nest nicht mehr. Die Arbeiterinnen fliegen aus und schaffen Nahrung herbei, dabei orientieren sie sich an Wegmarken rund um das Nest. In den ersten Tagen ziehen sie immer weitere Kreise, um sich die Umgebung einzuprägen. Sie finden so aus mehreren Kilometern nach hause.

Wer zu spät kommt – muss kämpfen

Spätaufstehern kann es passieren, dass sich keine gute Nistmöglichkeit findet. Steigt mit dem Fortschreiten der Zeit die Verzweiflung, setzt eine Jungkönigin alles auf eine Karte: Sie entert ein bestehendes Nest. Dort fordert sie die Königin zum Kampf auf Leben und Tod. Gelingt es ihr, die Herrscherin zu töten, übernimmt sie das Volk. Die Königin ist tot – es lebe die Königin! Die jüngeren Nachkommen, also Eier und Larven in frühen Stadien tötet sie, die älteren und die erwachsenen Arbeiterinnen lässt sie leben, damit sie ihre eigenen Eier pflegen. Das tun sie auch. Solche feindlichen Übernahmen sind nicht so selten. In manchen Nestern haben Hummelforscher bis zu 20 tote Königinnen gefunden.

Erschöpfte Erdhummel auf Löwenzahn. Sie kroch auf dem Weg herum und ließ sich von mir mit der Hand zur nächsten Blüte tragen.

Zum Kuckuck mit der Familienarbeit

 Wenn man also mit relativ weniger Aufwand die eigenen Gene weitergeben kann – warum dann überhaupt früh im Jahr raus in die Kälte, ein Nest bauen, Eier legen, die Nachkommen durchfüttern, während es draußen nachts noch friert und das Nahrungsangebot schmal ist? Kuckukshummeln sparen sich diese Unbill einfach. Ihr Name verrät schon, wie diese Arten ticken – bzw brummen: Sie entern ein bestehendes Hummelnest, töten die Königin (oder werden getötet), legen befruchtete Eier, aus denen Jungköniginnen werden, und unbefruchtete Eier, die sich zu Drohnen entwickeln. Arbeiterinnen produzieren sie nicht nach, daher stirbt das Nest recht bald – die Nachkommen der Kuckukshummel aber sind zu diesem Zeitpunkt erwachsen und läuten die nächste Reproduktionsrunde ein.

Nur wenigen Königinnen ist ein prosperierendes Nest vergönnt. Das liegt auch an den vielen Krankheiten und Schädlingen, die sich an die kuscheligen Bedingungen in einem Hummelnest angepasst haben, beispielsweise Wachsmotten, die das ganze Nest zerstören, Milben, Nematoden und Schlupfwespen. Dafür können gesunde Nester bis zum Ende des Sommers 100 Königinnen hervorbringen.

Noch eine Erdhummel – diesmal eine Arbeiterin

Der Aufstand der Versklavten

Auch wenn das Nest von Eindringlingen verschont bleibt, lebt es nur einen Sommer. Hummeln haben eine andere Genetik als Menschen. Die Arbeiterinnen im Nest sind mit ihren Schwestern enger verwand als mit eigenen Söhnen. (Töchter können sie nicht produzieren, dazu müssten sie sich paaren). Sie pflegen also aufopferungsvoll ihr ganzes Leben lang neue Arbeiterinnen. Die Brüder sind ihnen aber genetisch nur so ähnlich wie ihre Söhne es wären. Im Spätsommer beginnt die Königin nun, männlichen Nachwuchs zu produzieren, indem sie unbefruchtete Eier legt.  Darauf kommt es zum Aufstand der Arbeiterinnen: Unbefruchtete Eier könne sie selbst legen! Das kann die Königin wiederum nicht zulassen: sie kämpft mit den Arbeiterinnen und tötet deren Söhne. (Aber meist nicht alle. EINIGE Arbeiterinnen erkämpfen sich so die Chance auf eigenen Nachwuchs!) Die dauernden Kämpfe gehen aber nicht spurlos an der alten Königin vorüber, am Ende ist sie recht zerfetzt und stirbt. Neue Arbeiterinnen schlüpfen auch nicht mehr, denn die weiblichen Eier aus dieser Phase entwickeln sich zu Jungköniginnen. Das Nest geht zu Grunde.

Qualifizierte Gartenmitarbeiter

Die „Prinzessinnen“ aber fliegen aus zur Hochzeit, finden ihren kurzlebigen Prinzen und überwintern mit seinem Sperma. Die ersten Hummeln, die wir im Frühling treffen, sind immer Königinnen auf der Suche nach einem neuen Palast. Und seit ich das alles weiß, deute ich jedes Mal eine kleine Verbeugung an und wünsche der Staatsgründerin viel Erfolg für ihr kurzes Leben. Nicht ganz uneigennützig: Das Hummelnest liegt genau gegenüber meiner Tomatenkiste. Und Hummeln sind als Tomatenbestäuber Vollprofis: Die Weißbuschelpopohummeln (Bombus Terrestris) werden schon seit den 80ern eigens für den kommerziellen Einsatz in der Gemüseproduktion gezüchtet. Sollte es noch mal kalt werden, denke ich über einen hummelgerechten Glühweinausschank nach.

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