Cocinella septempunctata

Der Käfer der Göttin

Ein beliebter Gartenbewohner: Der Siebenpunkt-Marienkäfer

Im Garten ist immer noch nicht SO viel los, auch wenn die ersten Zwiebelgewächse die Blattspitzen über die Erdkrume recken und die Krokusse in der Mittagssonne sogar ihre Blütenkelche für frühe Insekten öffnen. Ich trinke meinen Kaffee trotzdem hinter der Scheibe, lesend, am liebsten.

Die Kroskusse werden schon fleißig angeflogen – obwohl es noch früh im Jahr ist.

Dass sich die Lektüre von Büchern über meine Gartenbewohner eigentlich nicht zum Eskapismus eignet, habe ich im letzten Jahr bereits gemerkt. Vom Maiglöckchen bis zum Rotkehlchen offenbaren sie einem bei näherer Bekanntschaft ihre dunklen Seiten. Der Garten ist eben nur ein Spiegel der restlichen Welt. Und was beschäftigt die Welt gerade? Klimawandel, Virusgefahr und eingeborene Minderheiten, die dem Expansionsdrang stärkerer Völker zum Opfer fallen. Und damit wären wir endlich beim Thema: Auch in meinem Garten kämpft ein beliebter Mitbewohner um seinen Lebensraum: Der Marienkäfer (Coccinella septempunctata). Das rote Käferchen mit seinen scharlachroten Deckflügeln, in der Grundausstattung mit sieben Punkten geschmückt, wird als sympathischer Glückskäfer wahrgenommen, der nebenbei noch die ungeliebten Blattläuse vertilgt. Heute traf ich ihn beim Sonnenbad an unserem Hochbeet. Es gibt 80 heimische Marienkäferarten in Deutschland – wobei einige davon nur in speziellen Lebensräumen zurecht kommen.

Ein heimischer Vertreter: Vierfleckiger Kugelmarienkäfer (Exochomus quadripustulatus) sonnt sich auf dem Schaukelgerüst (Danke für die Bestimmungshilfe an die FB-Gruppe „Wer bin ich?“)
Zwölffleckige Pilz-Marienkäfer (Vibidia duodecimguttata) Seine Lieblingsspeise darf er bei mir gern fressen: Mehltau!

Der Freyakäfer verbindet Himmel und Erde

Der Siebenpunkt hat so viele Namen wie Freunde. Den bekanntesten „Marienkäfer“ erhielt er im Zuge der Christianisierung. Vorher war er – auch namentlich – der Göttin Freya gewidmet, die ihrerseits für Glück und Liebe zuständig war. Da schließt sich der Kreis zu unserem Glückskäfer. In seinen Punkten sah man die vier irdischen Elemente (Feuer, Wasser, Luft und Erde) und die drei göttlichen Elemente (Himmel, Mond und Sonne). Das englische „Ladybug“ bezieht sich ebenfalls auf die (angebliche) Jungfrau Maria.

Einige Gartenbewohner hatten den Marienkäfer schon damals zum Fressen gern. Gegen gefräßige Vögel und aggressive Ameisen, die zum Schutz ihrer „Blattlauskühe“ gegen Marienkäfer zu Felde ziehen, setzt Coccinella ein stinkendes Sekret ein – die gelben Tröpfchen hat wohl jeder schon einmal an den Hinterbeinen gesehen. Menschen schadet es aber nicht und hat daher keine Imagepunkte gekostet.

Profilbild

Körperfresser und Zombieviren

Ein anderer Fressfeind liefert dagegen eine richtige Gruselgeschichte. Die Marienkäfer-Brackwespe (Dinocampus coccinellae) legt ihre Eier im Körper des Käferchens ab. Die Larve schlemmt sich einige Tage durch die Innereien des Wirtes, vermeidet aber sorgfältig die lebenswichtigen Organe. Anschließend schlüpft sie und verpuppt sich zwischen den Beinen des immer noch lebenden Marienkäfers. Dieser verharrt bewegungslos als lebendes Schutzschild gegen Fressfeinde (kluge Amseln wissen ja: Die roten schmecken scheiße und sind giftig). Lange war unbekannt, warum der Käfer das für seinen Peiniger tut – jetzt ist klar: Er kann nicht anders, denn die Larve hat ihn mit einem RNA-Virus infiziert, der sein Nervensystem fremdsteuert. Ein Zombie-Marienkäfer, der mit Gen-Waffen gezwungen wird, die nächste Generation von Marienkäfer Todfeinden zu beschützen. Als Filmplot wäre mir das zu abgedreht. Und es ist noch nicht vorbei: Bis zu einem Viertel der Käfer überleben diese Prozedur! Katharina Heuberger hat das Ganze in ihrem sehr lesenswerten Balkon-Blog ganz genau beschrieben und richtig toll fotografiert – da bin ich etwas neidisch.

Horror-Clowns aus Fernost

Das Kräfteverhältnis zwischen Brackwespe und Marienkäfern war trotz des schauderhaften Verlaufs der Beziehung zwischen einzelnen Individuen immer irgendwie ausgeglichen. Das ist auch logisch – ohne  Wirt kein Parasit. Ein anderer Coccinella-Feind hat größere Aussichten, unsere Glückskäfer zu vetreiben. Der Harlekin-Marienkäfer (Harmonia axyridis) sieht unseren verschiedenen Marienkäferarten sehr ähnlich. Es gibt mehrere Farben und Punktmuster,  alle bei einer Art. Harmonia wurde zur biologischen Schädlingsbekämpfung gegen Blattläuse eingeführt. Und das hört sich ja auch erstmal nach einer tollen Idee an: Die Tiere fressen 200 Blattläuse pro Tag. Allerdings ist er auch darüber hinaus ein potenter Biokrieger: Er verfügt über eine Top-Immunabwehr mit eigener Antibiotika-Produktion. Über 50 kleine Eiweiße (Peptide) mit  entsprechendem Potential wurden bereits identifiziert. Das bekannteste ist Harmonin. Damit sind die Asiaten gegen viele Geißeln des Marienkäferdaseins bestens gerüstet – auch der gruseligen Brackwespenlarve haben sie mehr entgegen zu setzen als unser europäischer Glücksbringer.

Harmonia axyridis

Parasitäre Schläfer

Die Hausapotheke von Harmonia hält auch gewisse Parasiten in Schach (Mikrosporidien mit Namen NOSEMA), mit denen die Lymphe von Harmonia oft durchseucht ist. Kein Problem also für den Einwanderer. Allerdings fressen Marienkäfer ihre Larven und Gelege untereinander – und wenn sich eine heimische Käferart an Harmonia-Eiern labt, nimmt sie die Sporidien ebenfalls zu sich. Ohne den schützenden Chemiecocktail gewinnt der Parasit meist die Vorherrschaft über seinen neuen Wirt und tötet den Marienkäfer. Heißt also: Frisst Harmonia Cocinella, passiert nichts. Frisst Cocinella Harmonia, stirbt der Räuber oft.

Kampfmittel-Entschärfer

Und selbst in der Erschließung reichhaltiger Nahrungsquellen ist Harmonia mit seiner Anpassungsfähigkeit oft erfolgreicher: So können heimische Marienkäfer die blauen Blattläuse (Aphis sambuci), die häufig am Hollunder auftreten nicht fressen, weil sie einen Fraßschutz enthalten, der Blausäure freisetzt. Eine Ausnahme ist der Zweipunkt-Marienkäfer (Adalia bipunctata) der einen Weg gefunden hat, das Blausäure freisetzende Glycosid zu entschärfen. UND der kunterbunte Harlekin-Marienkäfer. Der kann das auch.

Siebenpunkt Marienkäfer

Good Luck, Ladybug

Die Asiaten leben bis zu dreimal länger und setzen in ihrer Lebenszeit bis zu 2500 Eier ab, statt 400 wie unsere heimischen Arten. Sie werden seltener krank, sind schwerer zu vergiften und werden seltener gefressen. Und doch ist das Rennen um den Platz in meinem Garten noch nicht gelaufen. Seit einigen Jahren berichten Forscher, in einigen Lebensräumen pendele sich das Verhältnis von Coccinella und Harmonia –Käfern auf ein stabiles Niveau ein. Unser Glückskäfer mit den sieben Punkten gilt selbst als anpassungsfähige und expansive Art, die sich auf der Nordhalbkugel erfolgreich ausgebreitet hat. Ein wenig Fortune wird er wohl brauchen, um sich gegen die Konkurrenz aus Fernost durchzusetzen. Möge Freya –die Glücksgöttin in Rente – mit ihm sein.

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Comments

  1. Hallo liebe Daniela, hab von WordPress die Nachricht bekommen, dass du den Marienkäfer-Beitrag verlinkt hast. Herzlichen Dank! Jetzt hab ich natürlich den ganzen Artikel gelesen und bin begeistert, was du als Biologin noch alles Lesens- und Wissenswertens zusammengetragen hast über die Marienkäferchen. Ich würde deinen Blog gerne abonnieren, finde aber nirgends die Möglichkeit. Kannst du mir vielleicht sagen, wo ich das machen kann? Herzliche Grüße, Katharina vom Wilden Meter

    1. Hi,
      vielen Dank für Den netten Kommentar :-). Also ich muss gestehen, damit habe ich mich noch nicht beschäftigt (hüstel), meine Affinität zur Technik hält sich in engen Grenzen. Da gibt es bestimmt ein Plugin. Hast Du eine Empfehlung? Ich verspreche, mich darum zu kümmern…
      Ich fand es übrigens sehr lustig zu sehen, dass schon vor Jahren jemand auf die gleiche Idee kam (Naturbeobachtung direkt vor der eigenen Terassen bzw Balkontür) und finde Deinen Blog wirklich ganz toll gemacht! Es gibt doch immer noch Perlen im Netz zu entdecken!
      LG
      Dani

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